KINO KADDISH

Filmriss und Widerhall aus dem Osten

Lost Frames and Echoes from the East

Eine Serie filmischer Interventionen, Wiederbelebungen und ortsspezifischer Versammlungen: ein Versuch, das Kino zurück in jene Räume zu bringen, in denen Erinnerung zum Ereignis werden kann.

A series of cinematic interventions, revivals, and site-specific gatherings: an attempt to bring cinema back to spaces where memory can become event.

Die Kommissarin

The Commissar

Комиссар | SU 1967/1987

The Commissar (Комиссар) | USSR 1967/1987

Filmvorführung mit Gespräch | 19.04.2026 | Museum Berlin-Karlshorst

Screening and discussion | 19 April 2026 | Museum Berlin-Karlshorst

Veranstaltungsort: Museum Berlin-Karlshorst | Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin

Venue: Museum Berlin-Karlshorst | Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin

Organisiert und gefördert durch Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES)

Organized and funded by Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES)

Kuratiert von George Fejer und Jaroslav Begun

Curated by George Fejer and Jaroslav Begun

Die Kommissarin (1967)

Die Kommissarin basiert auf einer Erzählung und spielt in Berditschew, einem der wichtigsten jüdischen Zentren des ehemaligen Russischen Kaiserreichs. Der Film erinnert an die Pogrome gegen jüdische Gemeinden während des Bürgerkriegs und verweist zugleich symbolisch auf die Verfolgungen des Holocaust. Vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in einer Provinzstadt kreuzen sich die Schicksale einer Kommissarin und einer jüdischen Familie, die sie bei sich aufnimmt. Diese erzwungene Episode eines friedlichen Lebens wird zu einer subtilen und ergreifenden Reflexion über das Aufeinandertreffen von Persönlichem und Historischem, über Mutterschaft, Verletzlichkeit und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz.

Wegen seiner Thematik blieb der Film fast 20 Jahre verboten – ein eindringliches Beispiel für das Verschweigen jüdischer Geschichte in der Sowjetunion.

Gesprächsthemen: Das Spannungsfeld von Zensur, Erinnerung und filmischer Darstellung jüdischer Lebenswelten. Wie wurden trotz staatlicher Kontrolle mit Allegorien und Figurenzeichnung Gegen-Narrationen zur offiziellen Geschichtsdeutung entworfen? Die Bedeutung jüdischer Alltagskultur als Träger historischer Erinnerung und wie „verbotene Stimmen" unser heutiges Verständnis von Erinnerungspolitik und filmischer Zeugenschaft prägen.

The Commissar is based on a short story and set in Berdychiv, one of the most important Jewish centers of the former Russian Empire. The film recalls the pogroms against Jewish communities during the Civil War while also symbolically alluding to the persecutions of the Holocaust. Against the backdrop of civil war in a provincial town, the paths of a female commissar and a Jewish family who take her in intersect. This enforced episode of peaceful domestic life becomes a subtle and moving reflection on the encounter between the personal and the historical, on motherhood, vulnerability, and the fragility of human existence.

Because of its subject matter, the film remained banned for almost twenty years - a striking example of the suppression of Jewish history in the Soviet Union.

Discussion topics: The tension between censorship, memory, and cinematic representations of Jewish lifeworlds. How were counter-narratives to official historical interpretation developed through allegory and characterization despite state control? The significance of everyday Jewish culture as a carrier of historical memory, and how "forbidden voices" continue to shape our understanding of memory politics and cinematic witnessing.

Veranstaltungsort

Venue

Museum Berlin-Karlshorst, der historische Ort der deutschen Kapitulation von 1945, bildet mit seinem Fokus auf Krieg und Besatzung in Osteuropa den Rahmen für die Vorführung und das anschließende Gespräch.

Adresse: Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin

Anfahrt: S3 bis Karlshorst, dann Bus 296 bis Museum Berlin-Karlshorst.

Museum Berlin-Karlshorst, the historic site of Germany’s 1945 surrender, offers a fitting setting for this screening with its focus on war and occupation in Eastern Europe.

Address: Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin

Getting there: S3 to Karlshorst, then bus 296 to Museum Berlin-Karlshorst.

Ablauf

Schedule

14:30-14:45
Ankommen und Begrüßung
14:45-16:00
Thematische Führung durch das Museum
16:00-16:20
Einführung zum Film
16:20-18:04
Filmvorführung: Die Kommissarin (104 Min.)
18:04-19:00
Podiumsgespräch mit Irina Scherbakowa und Viktoriya Sukovata
19:00-19:30
Offener Ausklang
14:30-14:45
Arrival and welcome
14:45-16:00
Thematic museum tour
16:00-16:20
Introduction to the film
16:20-18:04
Screening: The Commissar (104 min)
18:04-19:00
Conversation with Irina Scherbakowa and Viktoriya Sukovata
19:00-19:30
Informal close

Anmeldung: per E-Mail an info@kaddish-kino.org

Registration: by email via info@kaddish-kino.org

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Gesprächspartnerinnen

Speakers

Portrait of Dr. Irina Scherbakowa

Dr. Irina Scherbakowa

Historikerin, Publizistin und Mitbegründerin von MEMORIAL

Irina Scherbakowa ist Germanistin, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin, Ehrenmitglied des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin und Mitbegründerin von MEMORIAL, der 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Gesellschaft. Seit den späten 1970er Jahren arbeitet sie mit Oral-History-Zeugnissen von Opfern des Stalinismus und forscht zu Gulag, sowjetischen Speziallagern, kulturellem Gedächtnis und Erinnerungspolitik; für das Gespräch in Karlshorst bringt sie eine genaue Perspektive auf staatliche Siegesnarrative, verdrängte Gewaltgeschichte und jüdisch-sowjetische Erinnerung ein.

Dr. Irina Scherbakowa

Historian, publicist, and co-founder of MEMORIAL

Irina Scherbakowa is a Germanist, historian, publicist, and translator, an honorary member of the Leibniz Centre for Literary and Cultural Research Berlin, and a co-founder of MEMORIAL, the society awarded the 2022 Nobel Peace Prize. Since the late 1970s, she has worked with oral-history testimonies of victims of Stalinism and researched the Gulag, Soviet special camps, cultural memory, and the politics of remembrance; in Karlshorst, she brings a precise perspective on state narratives of victory, suppressed violence, and Jewish-Soviet memory.

Portrait of Prof. Dr. Viktoriya Sukovata

Prof. Dr. Viktoriya Sukovata

Professorin für Kulturtheorie | Dubnow-Institut Leipzig

Viktoriya Sukovata ist seit 2012 Professorin an der V. N. Karazin Nationalen Universität Charkiw und seit 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dubnow-Institut Leipzig; seit 2024 forscht sie dort mit einem Walter-Benjamin-Fellowship der DFG. Ihr Projekt untersucht Holocaust-Wahrnehmungen in Film und Literatur und die Veränderungen jüdisch-sowjetischer Holocaust-Erinnerung in der Ukraine seit 1945 und schärft für das Karlshorster Gespräch den Blick auf Zensur, Pogromgewalt und die Sichtbarkeit jüdischer Erfahrung im sowjetischen und postsowjetischen Kino.

Prof. Dr. Viktoriya Sukovata

Professor of Cultural Theory | Dubnow Institute Leipzig

Viktoriya Sukovata has been a professor at V. N. Karazin Kharkiv National University since 2012 and has worked at the Dubnow Institute Leipzig since 2022, where she has held a Walter Benjamin Fellowship funded by the German Research Foundation since 2024. Her current project examines Holocaust perceptions in film and literature and the changing forms of Jewish-Soviet Holocaust memory in Ukraine since 1945, sharpening the conversation in Karlshorst around censorship, pogrom violence, and the visibility of Jewish experience in Soviet and post-Soviet cinema.

Der Golem

The Golem

Der Golem, wie er in die Welt kam (Paul Wegener, D 1920)

The Golem: How He Came into the World (Paul Wegener, Germany 1920)

Stummfilmkonzert: Uraufführung einer Originalkomposition | 05.03.2026 | 18:45 - 21:30 | Bereits stattgefunden

Silent Film Concert: World Premiere of an Original Composition | 05.03.2026 | 18:45 - 21:30 | Past event

Event des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks e.V. | Kuratiert von George Fejer | Unterstützt von Iaroslav Bigun

An event by Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e.V. | Curated by George Fejer | Supported by Iaroslav Bigun

Gastgeber und Unterstützung: Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Hosted and supported by Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Der Golem (1920)
Artwork von Artwork by Anna Fejer
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Der expressionistische Stummfilm erzählt die Legende des Prager Rabbis Löw, der einen Golem aus Ton erschafft, um seine Gemeinde zu schützen. Symbolträchtige Bildwelten machen ihn zum Sinnbild von Hoffnung und Angst. Als Schlüsselwerk deutsch-jüdischer Filmgeschichte entfaltet er ein Spannungsfeld zwischen Legende, moderner Ästhetik und gesellschaftlicher Deutung.

Das begleitende Panel reflektiert den Golem-Mythos im Spannungsfeld von jüdischer Kultur, filmischer Moderne und antisemitischen Zuschreibungen. Diskutiert werden die Bedeutung des Films für den fantastisch-expressionistischen Stummfilm, Darstellungen jüdischer Kultur sowie Fragen der historischen Sichtbarkeit jüdischer Kultur im deutschen Kino. Im Fokus steht dabei, wie mythische Figuren wie der Golem zwischen kultureller Selbstbeschreibung und gesellschaftlicher Projektion gelesen werden können. Zudem wird erörtert, inwiefern die zeitgenössische Live-Vertonung als musikalische Kommentierung neue Perspektiven auf den Film eröffnet und seine Themen für die Gegenwart aktualisiert. Ziel ist ein vielstimmiger Dialog zwischen Kunst, Erinnerung und Gegenwart.

Live-Vertonung. Die Aufführung erhält durch die Live-Vertonung von Robyn Schulkowsky (Percussion) sowie Andi und Hannes Teichmann (Elektronik) eine neue Dimension. Percussion, Soundobjekte und Elektronik verweben sich zu immersiven Klangräumen, die den Stummfilm ins Heute übersetzen. Diese Originalkomposition wird hier uraufgeführt.

The expressionist silent film tells the legend of the Prague Rabbi Löw, who creates a Golem from clay to protect his community. Symbolic visual worlds make it an emblem of hope and fear. As a key work of German-Jewish film history, it unfolds a field of tension between legend, modern aesthetics, and social interpretation.

The accompanying panel reflects on the Golem myth in the field of tension between Jewish culture, cinematic modernism, and antisemitic attributions. Topics include the significance of the film for fantastic-expressionist silent cinema, representations of Jewish culture, and questions of historical visibility of Jewish culture in German cinema. The focus is on how mythical figures like the Golem can be read between cultural self-description and social projection. Additionally, the discussion explores how the contemporary live soundtrack as musical commentary opens new perspectives on the film and updates its themes for the present. The goal is a polyphonic dialogue between art, memory, and the present.

Live Soundtrack. The screening receives a new dimension through live soundtrack by Robyn Schulkowsky (percussion) as well as Andi and Hannes Teichmann (electronics). Percussion, sound objects, and electronics weave together into immersive soundscapes that translate the silent film into the present. This original composition will have its world premiere here.

Musiker:innen

Musicians

Robyn Schulkowsky

Weltweit prämierte Perkussionistin, Pionierin neuer Klangräume mit Ausrichtung auf Improvisation und interdisziplinäre Projekte. Ihre internationale Zusammenarbeit (u.a. Cage, Feldman, Dudamel) prägte die Perkussionslandschaft des 20./21. Jahrhunderts entscheidend. In der Live-Vertonung bringt sie experimentelle Virtuosität und musikalische Neugier ein.

Hörprobe des Trios

Robyn Schulkowsky

Internationally acclaimed percussionist, pioneer of new sound spaces with focus on improvisation and interdisciplinary projects. Her international collaborations (including Cage, Feldman, Dudamel) decisively shaped the percussion landscape of the 20th/21st centuries. In the live soundtrack, she brings experimental virtuosity and musical curiosity.

Listen to the Trio

Andi Teichmann & Hannes Teichmann

Die Gebrüder Teichmann sind Musiker, Produzenten und Komponisten, bekannt für ihre Arbeit zwischen Clubkultur, experimenteller Elektronik und globalen Musiktraditionen. Mit internationalen Soundcamps und Projekten verbinden sie Klangexperimente, interkulturellen Austausch und kollektiven Dialog.

Andi Teichmann & Hannes Teichmann

The Teichmann brothers are musicians, producers, and composers known for their work between club culture, experimental electronics, and global music traditions. Through international sound camps and projects, they connect sound experiments, intercultural exchange, and collective dialogue.

Sprecher:innen

Speakers

Tirza Seene

Tirza Seene ist Filmwissenschaftlerin und promoviert an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf zu dem Thema „Antisemitismus und Film". Ihre Forschungsschwerpunkte sind jüdische Erfahrung im Film, Filmgeschichte und Antisemitismus. Ihre Filmeinführung ordnet den "Golem" in der Weimarer Filmgeschichte ein, analysiert seine stereotypen Konstruktionen und verknüpft diese mit Diskursen um Jewishness im Film, Musik und Erinnerungspraxis. Sie ist zudem Assoziierte beim Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Tirza Seene

Tirza Seene is a film scholar completing her doctorate at Film University Babelsberg Konrad Wolf on "Antisemitism and Film." Her research focuses on Jewish experience in film, film history, and antisemitism. Her film introduction situates "The Golem" in Weimar film history, analyzes its stereotypical constructions, and connects these with discourses on Jewishness in film, music, and memory practice. She is also an associate at the Selma Stern Center for Jewish Studies Berlin-Brandenburg.

George Fejer

George Fejer ist Neuropsychologie-Forscher und Hauptkurator der Veranstaltungsreihe. Seine Arbeit befasst sich mit subjektiver Erfahrung und deren Untersuchung an der Schnittstelle von Bewusstseinsforschung und zeitbasierten Medien. Er ist Doktorand der Psychologie an der Universität Konstanz, Gastforscher am Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences und Stipendiat des ELES.

George Fejer

George Fejer is a neuropsychology researcher and main curator of the event series. His work focuses on subjective experience and its investigation at the intersection of consciousness research and time-based media. He is a doctoral candidate in psychology at the University of Konstanz, a visiting researcher at the Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences, and an ELES Research Fellow.

Korczak

Korczak

Korczak | PL/D/GB 1990

Korczak (1990)

Dieser biografische Film schildert die letzten Jahre des jüdisch-polnischen Pädagogen Janusz Korczak, der sein Waisenhaus ins Warschauer Ghetto verlegen musste und die über zweihundert Kinder bis zur Deportation nach Treblinka begleitete. In dokumentarischer Schwarz-Weiß-Ästhetik reflektiert der Film polnisch-jüdische Beziehungen im Holocaust und zeigt Korczaks kompromisslose Haltung, den Kindern Würde und Hoffnung zu bewahren.

Gesprächsthemen: Wie kann Erinnerung im Holocaustkino Hoffnung vermitteln, ohne historische Realität zu verfälschen? Welche Rolle spielen Trauma und seine filmische Darstellung? Wie lässt sich moralisches Handeln über Generationen hinweg weitergeben? Der Film wird als Modell ethischer Verantwortung und Erinnerungsdidaktik diskutiert.

This biographical film portrays the last years of the Jewish-Polish educator Janusz Korczak, who was forced to move his orphanage into the Warsaw Ghetto and accompanied more than two hundred children until their deportation to Treblinka. In a documentary-inflected black-and-white aesthetic, the film reflects Polish-Jewish relations during the Holocaust and shows Korczak's uncompromising determination to preserve the children's dignity and hope.

Discussion topics: How can memory in Holocaust cinema convey hope without falsifying historical reality? What role do trauma and its cinematic representation play? How can moral action be passed on across generations? The film is discussed as a model of ethical responsibility and memory pedagogy.

Die Passagierin

The Passenger

Pasażerka | PL 1963

Die Passagierin (1963)

Auf einer Schiffspassage glaubt die ehemalige SS-Aufseherin Liza, ihre frühere KZ-Gefangene Marta wiederzuerkennen. Rückblenden öffnen Erinnerungen an Auschwitz-Birkenau, während Liza zwischen Schuld, Rechtfertigung und alternativen Vergangenheiten schwankt. Der Film blieb nach einem tödlichen Unfall des Regisseurs unvollendet; Fotografien und Kommentare markieren Brüche und Leerstellen, die Erinnerung als fragmentarisch erfahrbar machen. Die Passagierin verbindet Täterinnenerzählung mit den ästhetischen und ethischen Grenzen historischer Repräsentation.

Gesprächsthemen: Täter:innen-Subjektivität, weibliche Gewalt im NS-Kontext und Strategien filmischer Erinnerungsabwehr. Die ästhetischen Effekte der Unvollständigkeit und ihre Bedeutung für kollektives Gedächtnis und Memory Politics in Ostmitteleuropa. Der Austausch verbindet historische Forschung, Erinnerungstheorie und transgenerationale Perspektiven und fragt, wie solche Filme ein Publikum erreichen, das keinen Zugang mehr zu Zeitzeug:innen hat.

On an ocean liner, former SS overseer Liza believes she recognizes Marta, her former prisoner from Auschwitz-Birkenau. Flashbacks open onto memories of the camp as Liza oscillates between guilt, justification, and alternative versions of the past. After the director's fatal accident, the film remained unfinished; still photographs and commentary mark ruptures and absences that make memory itself appear fragmentary. The Passenger combines a perpetrator-centered narrative with the aesthetic and ethical limits of historical representation.

Discussion topics: Perpetrator subjectivity, female violence in the Nazi context, and strategies of cinematic memory denial. The aesthetic effects of incompletion and their significance for collective memory and memory politics in East Central Europe. The discussion brings together historical research, memory theory, and transgenerational perspectives while asking how such films can reach audiences with no direct access to eyewitnesses.

Sanatorium zur Sanduhr

The Hourglass Sanatorium

Sanatorium pod Klepsydrą | PL 1973

Sanatorium pod Klepsydrą (1973)

Józef reist in ein Sanatorium, um seinen sterbenden Vater zu besuchen, doch Raum und Zeit geraten außer Kontrolle. Erinnerungen, Kindheit und Traumwelten überlagern sich, sodass Vergangenheit, Fantasie und Gegenwart ineinanderfließen. Diese preisgekrönte Adaption literarischer Prosa schafft eine visuelle Sprache für jüdische Identität, kulturellen Verlust und fragmentiertes Gedächtnis.

Basierend auf Erzählungen entfaltet der Film ein visuell überwältigendes, traumlogisches Erinnerungsuniversum, in dem jüdische Kindheit, familiäre Fragmente und untergehende Welten ineinanderfließen. Ohne die Shoah direkt zu thematisieren, ist der Film durchdrungen von ihrer Abwesenheit, von dem Wissen, dass die poetisch aufgeladene jüdische Welt Galiziens wenige Jahre später ausgelöscht wurde. Der Film übersetzt diese Leerstelle in eine überbordende filmische Sprache aus Zerfall, Wiederkehr und zeitlicher Desorientierung.

Gesprächsthemen: Wie wird literarische Prosa in filmische Allegorien von Geschichte und Erinnerung übersetzt? Die ästhetische Strategie des Films – Komposition, Licht, Farbe und Bildmetaphern – als Mittel, kollektive Traumata und kulturelle Transformation sichtbar zu machen. Wie literarische Imagination zu kollektiven Bildern wird und welche Rolle künstlerische Verarbeitung im Umgang mit Verlust, jüdischer Kultur und osteuropäischem Gedächtnis spielt.

Józef travels to a sanatorium to visit his dying father, but space and time begin to slip out of control. Memories, childhood, and dream worlds overlap until past, fantasy, and present flow into one another. This award-winning adaptation of literary prose creates a visual language for Jewish identity, cultural loss, and fragmented memory.

Based on stories by Bruno Schulz, the film unfolds a visually overwhelming, oneiric universe of memory in which Jewish childhood, family fragments, and vanishing worlds merge together. Without addressing the Shoah directly, it is saturated by its absence, by the knowledge that the poetically charged Jewish world of Galicia would be annihilated only a few years later. The film translates that void into an exuberant cinematic language of decay, return, and temporal disorientation.

Discussion topics: How is literary prose translated into cinematic allegories of history and memory? The film's aesthetic strategy - composition, light, color, and visual metaphor - as a means of making collective trauma and cultural transformation visible. How literary imagination becomes collective imagery, and what role artistic processing plays in confronting loss, Jewish culture, and East European memory.

Komm und sieh

Come and See

Komm und sieh (Elem Klimow, UdSSR 1985)

Come and See (Elem Klimov, USSR 1985)

Filmvorführung mit anschließender Diskussion | 19.04.2026

Film Screening with Discussion | 19.04.2026

Event des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks e.V. | Im Rahmen des 81. Jahrestags der Befreiung des KZ Sachsenhausen | Kuratiert von George Fejer

An event by Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e.V. | As part of the 81st Anniversary of the Liberation of Sachsenhausen Concentration Camp | Curated by George Fejer

Komm und sieh (1985)

Die Veranstaltung verbindet die Gedenkstätte Sachsenhausen mit filmischen Darstellungen von Gewalt und Erinnerung in Osteuropa. Im Fokus stehen die „Russen-Aktion", sowjetische Kriegsgefangene und die filmische Überlieferung deutscher Massaker in Belarus. Klimows Film wird sowohl im sowjetischen Erinnerungskontext als auch in aktuellen Debatten gelesen. Die Diskussion macht sichtbar, wie Opfergruppen aus Osteuropa lange marginalisiert wurden, und fragt, wie Gewalt und Trauma filmisch wie institutionell verhandelt werden. Ziel ist es, blinde Flecken deutscher und europäischer Erinnerungskultur offenzulegen und osteuropäische Perspektiven einzubeziehen.

In der Filmvorführung von Komm und Sieh handelt es sich um einen 14-jährigen belarussischen Jungen, der sich den Partisanen anschließt, voller Hoffnung, Teil des Widerstands zu werden. Stattdessen wird er Zeuge der grausamen Massaker deutscher Truppen an der Zivilbevölkerung. Klimows Film zeigt eindringlich die Zerstörung ganzer Dorfgemeinschaften und den psychischen Zusammenbruch eines Jugendlichen. Mit radikal realistischen Bildern entfaltet sich ein Panorama der Gewalt, das die Unmenschlichkeit des Vernichtungskrieges sichtbar macht. „Komm und sieh" gilt als eine der eindrucksvollsten filmischen Auseinandersetzungen mit der deutschen Besatzung in Osteuropa.

Sprecher:innen

Dr. Astrid Ley

Wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen. Mit Forschung zu Zwangsarbeit, KZs und Erinnerungskultur bringt sie die Perspektive des historischen Ortes in die Diskussion ein.

The event connects the Sachsenhausen Memorial with cinematic representations of violence and memory in Eastern Europe. The focus is on the "Russian Action," Soviet prisoners of war, and the cinematic documentation of German massacres in Belarus. Klimov's film is read both in the Soviet memory context and in current debates. The discussion makes visible how victim groups from Eastern Europe were long marginalized, and asks how violence and trauma are negotiated cinematically and institutionally. The goal is to expose blind spots of German and European memory culture and to include Eastern European perspectives.

In the screening of Come and See, a 14-year-old Belarusian boy joins the partisans, full of hope to become part of the resistance. Instead, he witnesses the brutal massacres of German troops against the civilian population. Klimov's film powerfully shows the destruction of entire village communities and the psychological collapse of a youth. With radically realistic images, a panorama of violence unfolds that makes visible the inhumanity of the war of annihilation. "Come and See" is considered one of the most striking cinematic examinations of the German occupation in Eastern Europe.

Speakers

Dr. Astrid Ley

Scientific Director of the Sachsenhausen Memorial. With research on forced labor, concentration camps, and memory culture, she brings the perspective of the historical site into the discussion.

Über Uns

About Us

Wie erinnern wir, wenn die Orte selbst schweigen? Wenn Geschichte in Ruinen flackert, in beschädigten Zelluloidstreifen, in Stimmen, die niemand mehr erkennt?

Kino Kaddish ist eine Serie filmischer Interventionen, Wiederbelebungen und ortsspezifischer Versammlungen: ein Versuch, das Kino zurück in jene Räume zu bringen, in denen Erinnerung zum Ereignis werden kann, und es als rituellen Raum zu begreifen, in dem Bilder nicht nur gesehen, sondern beschworen und wiedererlebt werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei einer filmhistorischen Rückschau auf Werke, die vielen jungen Menschen heute kaum noch zugänglich sind, etwa weil es sich um frühe, oft stumme Filme handelt oder weil sie aus dem osteuropäischen und slawischen Kontext stammen.

Geplant ist eine kuratierte Reihe ortsspezifischer Filmvorführungen bei denen ausgewählte Werke des jüdischen, osteuropäischen und experimentellen Kinos an historisch wie symbolisch aufgeladenen Orten neu kontextualisiert werden.

Kino als Kaddish

Der Titel verweist auf das jüdische Totengebet Kaddish, das weniger eine Klage über den Tod als eine Bekräftigung von Leben und Gemeinschaft ist. In diesem Sinn versteht die Reihe Kino selbst als Form des Kaddish: ein gemeinsames Sprechen über das, was verloren ist, das durch Wiederaufführung und Interpretation in der Gegenwart neu wirksam wird. Durch die Verbindung jüdisch-osteuropäischer und experimenteller Filme entsteht ein Spannungsfeld zwischen Kanon und Rarität, dokumentarischer Authentizität und künstlerischer Überformung, Trauma und poetischer Bildsprache. Daraus ergeben sich Fragen nach der Rolle des Kinos im 21. Jahrhundert: Kann es noch Medium der Erinnerung sein, wenn Zeitzeugenschaft verschwindet? Kann es verdrängte Geschichten Osteuropas sichtbar machen? Und wie verändert sich Erinnerung, wenn sie nicht nur dargestellt, sondern als gemeinsames Ereignis erfahrbar wird?

Für weitere Informationen und Veranstaltungstermine kontaktieren Sie uns bitte unter info@kaddish-kino.org.

How do we remember when the places themselves remain silent? When history flickers in ruins, in damaged celluloid strips, in voices no one recognizes anymore?

Kino Kaddish is a series of cinematic interventions, revivals, and site-specific gatherings: an attempt to bring cinema back to spaces where memory can become event, and to conceive of it as a ritual space in which images are not merely seen, but conjured and relived. Special attention is given to a film-historical retrospective on works that are hardly accessible to many young people today, whether because they are early, often silent films, or because they come from Eastern European and Slavic contexts.

The plan is for a curated series of site-specific film screenings in which selected works of Jewish, Eastern European, and experimental cinema are recontextualized in historically and symbolically charged locations.

Cinema as Kaddish

The title refers to the Jewish prayer for the dead, Kaddish, which is less a lament over death than an affirmation of life and community. In this sense, the series understands cinema itself as a form of Kaddish: a collective speaking about what is lost, which becomes newly effective in the present through re-screening and interpretation. Through the connection of Jewish-Eastern European and experimental films, a tension emerges between canon and rarity, documentary authenticity and artistic transformation, trauma and poetic imagery. This raises questions about the role of cinema in the 21st century: Can it still be a medium of memory when eyewitness testimony disappears? Can it make suppressed histories of Eastern Europe visible? And how does memory change when it is not only represented, but experienced as a collective event?

For further information and event dates, please contact us at info@kaddish-kino.org.

Son of Saul

Son of Saul

Saul fia | HU 2015

Son of Saul (2015)

Im KZ Auschwitz-Birkenau folgt die Kamera dem jüdisch-ungarischen Häftling Saul, Mitglied des Sonderkommandos. Als er glaubt, im Körper eines getöteten Jungen seinen Sohn zu erkennen, klammert er sich an das Ziel, ein Kaddish zu ermöglichen. Der Film bleibt radikal subjektiv: Gewalt und Tod erscheinen vor allem über Ton und unscharfe Wahrnehmung, wodurch ein fragmentierter Erinnerungsraum entsteht.

Gesprächsthemen: Das „abwesende Bild", subjektive Perspektiven und das Konzept der Postmemory. Der Film unterläuft die Bilderflut des Holocaust-Kinos, indem er Grauen mehr spürbar als sichtbar macht. Unschärfe, Sounddesign und fragmentierte Ausschnitte fordern das Publikum auf, Erinnerungsräume selbst zu rekonstruieren. Wie verhandeln neue Generationen Trauma und Zeugenschaft indirekt, medial vermittelt und zugleich emotional?

In Auschwitz-Birkenau, the camera follows Saul, a Jewish-Hungarian prisoner and member of the Sonderkommando. When he believes he recognizes his son in the body of a murdered boy, he clings to the goal of enabling a Kaddish. The film remains radically subjective: violence and death are conveyed above all through sound and blurred perception, creating a fragmented space of memory.

Discussion topics: The "absent image," subjective perspective, and the concept of postmemory. The film subverts the flood of images in Holocaust cinema by making horror palpable rather than directly visible. Blur, sound design, and fragmentary framing compel the audience to reconstruct spaces of memory for themselves. How do new generations negotiate trauma and testimony indirectly, through mediation and yet with emotional force?

Der gemalte Vogel

The Painted Bird

The Painted Bird | CZ/SK/UA 2019

Der gemalte Vogel (2019)

Ein jüdischer Junge irrt während des Zweiten Weltkriegs allein durch Osteuropa und erlebt extreme Gewalt, Missbrauch und Entmenschlichung. Die kompromisslose Schwarz-Weiß-Ästhetik verstärkt die Trostlosigkeit und stößt mit expliziten Szenen an ethische und ästhetische Grenzen. Basierend auf einem literarischen Roman, gilt dies als einer der radikalsten Holocaustfilme der letzten Jahre.

Gesprächsthemen: Die filmische Darstellbarkeit von Gewalt, Fragen nach Authentizität, künstlerischer Freiheit und Verantwortung gegenüber Minderjährigen. Wie macht radikale Ästhetik Ohnmacht und Überleben erfahrbar, welche neuen Formen der Anteilnahme eröffnet sie und wo stößt filmische Erinnerung an ethische Grenzen?

A Jewish boy wanders alone through Eastern Europe during the Second World War and experiences extreme violence, abuse, and dehumanization. The uncompromising black-and-white aesthetic intensifies the bleakness and pushes against ethical and aesthetic limits through explicit scenes. Based on a literary novel, the film is considered one of the most radical Holocaust films of recent years.

Discussion topics: The cinematic representability of violence, questions of authenticity, artistic freedom, and responsibility toward minors. How does radical aesthetics make powerlessness and survival palpable, what new forms of participation does it open, and where does cinematic memory encounter ethical limits?

Die weite Reise

Distant Journey

Daleká cesta | CS 1949

Daleká cesta (1949)

Einer der ersten Spielfilme, die sich direkt mit dem Holocaust befassten. Ein Regisseur, der die Verfolgung selbst überlebt hatte, schuf einen Film, in dem sich persönliche Geschichte mit dokumentarischem Material vermischt und die Tragödie der tschechischen Juden während der Nazi-Besetzung widerspiegelt. Die Protagonistin, eine jüdische Ärztin aus Prag, sieht sich mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert: Sie wird entlassen, in ihren Rechten eingeschränkt und schließlich nach Theresienstadt deportiert.

Der Film bedient sich innovativer Techniken und kombiniert Fiktion mit Wochenschauen, darunter Aufnahmen aus der Nazi-Propaganda sowie tatsächliche KZ-Aufnahmen. Diese Technik verstärkt den Effekt der Präsenz und unterstreicht den Kontrast zwischen den persönlichen Erfahrungen der Figuren und dem Ausmaß der historischen Katastrophe. Der Film entstand nur wenige Jahre nach Kriegsende, wurde zunächst zensiert und anschließend für viele Jahre verboten.

Gesprächsthemen: Als einer der ersten Holocaust-Spielfilme verbindet der Film dokumentarische Elemente mit persönlicher Erzählung. Die Diskussion behandelt frühe filmische Strategien der Holocaust-Darstellung, die Bedeutung von Zeitzeugnis und die lange Zensurgeschichte des Films in der Nachkriegszeit.

One of the first feature films to address the Holocaust directly. Made by a director who had himself survived persecution, the film interweaves personal history with documentary material and reflects the tragedy of Czech Jewry under Nazi occupation. Its protagonist, a Jewish doctor from Prague, confronts escalating antisemitism: she is dismissed from her position, stripped of her rights, and eventually deported to Theresienstadt.

The film employs innovative techniques and combines fiction with newsreel material, including footage from Nazi propaganda as well as actual concentration-camp images. This strategy heightens the effect of presence and underlines the contrast between the characters' personal experiences and the scale of historical catastrophe. Made only a few years after the war, the film was first censored and then banned for many years.

Discussion topics: As one of the earliest Holocaust feature films, it combines documentary elements with personal narrative. The discussion addresses early cinematic strategies for representing the Holocaust, the significance of testimony, and the film's long history of censorship in the postwar period.

Das Wunder von Purim

The Purim Miracle

Cud Purymowy | PL 2000

Das Wunder von Purim (2000)

An Purim erfährt ein rechtsradikal gesinnter Arbeiter von einer unerwarteten Erbschaft, die ihn zwingt, seine jüdische Herkunft anzuerkennen und nach Traditionen zu leben. Die bittere Komödie entlarvt Antisemitismus und Ressentiments mit Humor, Selbstironie und der Kraft jüdischer Lebensfreude.

Gesprächsthemen: Purim steht für Umkehr, Rettung und Humor als Strategie kollektiver Resilienz. Die Veranstaltung beleuchtet liturgische und kulturelle Dimensionen des Festes und hebt die philosophisch-ethische Bedeutung des jüdischen Witzes hervor – als Mittel zur Selbstverständigung, Distanzierung von Bedrohung und zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. So endet die Reihe mit einem versöhnlichen Ausblick und einer musikalischen Feier: L'chaim!

On Purim, a worker with far-right sympathies learns of an unexpected inheritance that forces him to acknowledge his Jewish background and live according to Jewish traditions. This bitter comedy exposes antisemitism and resentment through humor, self-irony, and the sustaining force of Jewish joy.

Discussion topics: Purim stands for reversal, rescue, and humor as a strategy of collective resilience. The event highlights the liturgical and cultural dimensions of the festival and emphasizes the philosophical and ethical significance of Jewish wit - as a means of self-understanding, of gaining distance from threat, and of strengthening communal bonds. In this way, the series ends with a reconciliatory outlook and a musical celebration: L'chaim!